Verhaltensnote beim Übertritt von der Sekundarschule ins Gymnasium?

Originalartikel auf der Seite des Tagesanzeigers http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/betragen-schlecht/story/13534824#mostPopularComment

JA: Liliane Minor

Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn sich alle an Konventionen halten.

Eine Gesellschaft funktioniert nun einmal nur, wenn sich die Menschen an Konventionen halten. Wer es versäumt, das den Kindern beizubringen, der tut ihnen keinen Gefallen.

NEIN: Constantin Seibt

Jesus wusste, was er tat, als er das schwarze Schaf mehr liebte als die weissen.

Wenn Leute über ihre Schulzeit sprechen, dann kaum je über ihre Strebsamkeit. Sondern über ihre Streiche. Über die Spickzettel, den Schwamm auf dem Stuhl des Rektors – und über Dialoge wie: Der Lehrer: «Viele südfranzösische Namen enden auf -ac. Beispiele?» Der Schüler: «Fettsack.»

(Ich schreibe hier über meine persönliche Meinung als Lehrperson, die sieben Jahre Unterrichtserfahrung an privaten sowie als auch an öffentlichen Schulen hat.)

Das Verhalten von Schülern beeinflusst den Unterricht. Dies kann niemand leugnen. Der Lehrer plant eine Lektion oder ein Thema. Beim Planen muss sich der Lehrer an einen Zeitrahmen richten und den Inhalt der Lektion in diesen bestimmten Zeitrahmen einfügen. Die Lektion wird idealer Weise so geplant, dass die Schüler so gut wie möglich ins neue Thema einführt werden, die Schüler Zeit haben sich mit dem Thema kritisch auseinander zu setzen und sich dann selbstständig mit dem Thema befassen. Natürlich besteht eine Lektion aus noch mehr Teilen, aber dies soll nun ausreichen. Dabei sollten Talente / Kompetenzen gefördert werden. Kling einfach? Naja, ist es nicht.

90% aller Stundenpläne werden nie so realisiert wie sie geplant werden. Dies liegt nicht am schlechten Planen des Lehrers (in diesem Szenario gehen wir von einem kompetenten Lehrer aus, der weiss was er tut), sondern einfach an der Klassendynamik. Jeder Schüler ist verschieden, hat verschiedene Stärken und Schwächen und der Lehrer (sofern er die Klasse kennt) versucht dies alles in seinem Plan miteinzubeziehen. Es werden Fragen gestellt (je mehr, desto besser), Beispiele gemacht, Beispiele / Meinungen verlangt, usw.

Nun gibt es in der Klasse einen Schüler der überaus intelligent ist. Er ist kreativ, motiviert und denkt immer mit. Ein jeder Lehrers Traum. Schüler die mitmachen und den Stoff realistisch kritisch hinterfragen (FYI: immer nur Fragen “Wieso ist das so?” oder immer nur das Gegenteil behaupten ist kein kritisches Hinterfragen). Nun hat dieser Schüler aber ein schlechtes Verhalten. Er lässt den Lehrer und seine Mitschüler nicht aussprechen und unterbricht sie ständig. Fällt ihnen ins Wort. Akzeptiert keine Meinungen, die von seiner abweichen. Beleidigt seine Mitschüler mit unhöflichen Kommentaren, wenn diese ihre Meinung kund tun. Wird in der Klasse laut und hält sich nicht an von der Klasse im vorherein besprochenen Diskursregeln. Vielleicht weigert sich dieser Schüler sich Notizen zu machen, weil er nicht mit dem Lehrer einverstanden ist. Oder auch vielleicht weil ihn gerade dieses Thema nicht interessiert und er sich gelangweilt fühlt. Alles schon erlebt. Und Herr Seibt zufolge, soll dies keine Auswirkungen haben auf seinen Übertritt von einer Sekundarschule in eine Kantonsschule / Gymnasium?

Herr Seibt schreibt:

Wenn Leute über ihre Schulzeit sprechen, dann kaum je über ihre Strebsamkeit. Sondern über ihre Streiche. Über die Spickzettel, den Schwamm auf dem Stuhl des Rektors – und über Dialoge wie: Der Lehrer: «Viele südfranzösische Namen enden auf -ac. Beispiele?» Der Schüler: «Fettsack.»

(Hier muss ich sagen, dass ich nicht sicher bin ob Herr Seibt nur provozieren will um einen Diskurs auszulösen, oder ob er wirklich dieser Meinung ist).

Spickzettel. Ok, habe ich auch benutzt. Aber wann habe ich diesen benutzt? Entweder wenn ich den Stoff nicht verstanden habe oder wenn ich zu faul war den Stoff zu Hause zu lernen. Wenn ich den Spickzettel benutze, ist dies kein Betrug? Sollte man nun Stolz auf seinen Betrug sein? Jemand der einen Spick benutzt ist nicht unbeding ein Talent, oder? Er ist vielleicht einfallsreich, aber sicher nicht talentiert. Betrügen ist also ok, wenn man ein Talent ist?

Herr Seibt fragt ob Kinder Disziplin, Konventionen und Drill brauchen? Er behauptet, dass durch Disziplin und Konventionen Kreativität und der Wille/Mut zum Andersdenken unterdrückt werden. Dies sind drei sehr unterschiedliche Dinge.

(Definitionen aus dem Deutschen Duden)

Disziplin:

    1. das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln o. Ä.; das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft
    2. das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen

Also sollte man sich (nicht nur heutzutage, sondern vielleicht auch in der Zukunft), wenn man in einer Gesellschaft lebt nicht in diese Einfügen? Die Kinder sollten nicht allgemeine Verhaltensregeln befolgen um in der Gesellschaft (über-)leben zu können?

(Hier auch die Konventionen: “Regel des Umgangs, des sozialen Verhaltens, die für die Gesellschaft als Verhaltensnorm gilt”) – braucht es keine? 

Drill:

  1. mechanisches Einüben von Fertigkeiten (wie) beim Militär

Da Stimme ich zu. Den Drill braucht es in der Schule nicht. Jedoch haben Verhaltensnoten (bei mir jedenfalls) nichts mit Drill zu tun. Lehrer, welche in ihrem Unterricht drillen, bleiben nicht lange Lehrer, denn es gibt ja Kontrollinstanzen, welche den Unterricht besuchen und sowas spricht sich sowieso herum. Also passt hier der Begriff Drill meiner Meinung nach überhaupt nicht hinein.

Und im Tagesanzeiger-Artikel geht es ja darum, dass Verhaltensnoten bei einer Aufnahme in die Kantonsschule / Gymnasium in betracht gezogen werden sollen und nicht darum, dass man Schwarze Schafe lieben soll. Die KS sollte ja eine Institution sein, die auf ein universitäres Studium vorbereitet. Also auf das aneignen von höher Fachwissen vorbereitet und den Grundstein dafür legt. Im Studium kommt es idealer Weise zu selbständigem Arbeiten, zum Forschen. Während dieser Periode / Arbeit hat man die Möglichkeit sich von der Menge abzusetzen und sich mit seinen “anderen Ideen” zu beschäftigen. Davor sollte man aber doch lernen wie man mit Schwefelsäure umgeht, was überhaupt die Grundlagen der Fotographie sind oder wie die klassische Philosophie zustande kam. Also Grundlagen lernen und der Schüler wird sehr wahrscheinlich mit 15 Jahren nicht neue Grundsteine legen. Sofern doch, denke ich nicht dass seine Ideen wegen der Strenge seines Gymnasiallehrers unentdeckt bleiben.

In der KS soll einem nun die Basis für ein solches Studium vermittelt werden. Auch ein Überblick über die überhaupt bestehenden Möglichkeiten aufgezeigt werden.

Es ist nun selbstverständlich, dass eine Institution, deren Funktion die best mögliche Vorbereitung auf einen wissenschaftlichen Werdegang ist, sicherstellen möchte, dass die Teilnehmer an dieser Institution sich produktiv und sozial in die Schülergemeinschaft einfügen können.

Ja, bei Verhaltensnoten sind Schüler etwas der Willkür eines Lehrers ausgeliefert. Dies kann man nicht abstreiten. Aber ob jemand in den Unterricht stört, nie die Hausaufgaben bereit hat und sich zivilisiert und sozial im Unterricht verhällt, kann man als Lehrer schon objektiv bewerten.

(Ob nun die KS seine Aufgabe zur Talentenförderung und universitären Vorbereitung erfolgreich bewältigt oder nicht, ist eine andere Frage. Natürlich ist die KS auch nicht die einzige Laufbahn die man wählen soll / kann.)

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